Der Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt
Der beschlossene Abriß des „Technischen Rathauses“ entfachte seit 2005 erneut die Diskussion um die Bebauung des Kernbereichs der ehemaligen Frankfurter Altstadt zwischen Dom und Römer. Nach der Zerstörung Alt-Frankfurts im Zweiten Weltkrieg ergibt sich damit zum dritten Mal, seit dem Altstadtdurchbruch um 1900, dem Friedrich Stoltzes Geburtshaus im Hof Rebstock zum Opfer fiel, sogar zum vierten Mal die Chance, zumindest einen Teil der Altstadt seiner baugeschichtlichen Entwicklung und historischen Bedeutung gemäß zu gestalten. Der Bereich zwischen Main und ehemaliger Braubach einerseits, zwischen Fahrgasse und Römerbergsenke andererseits ist die Urzelle der Stadt. Dort stand die karolingische Pfalz, deren Reste im Archäologischen Garten sichtbar sind und aus deren Kapelle der Dom hervorging. Um sie herum bildete sich die Siedlung. Von Ost nach West durchzog sie der Markt, der zum Weg der Könige und Kaiser nach ihrer Wahl und Krönung wurde.
Die Freunde Frankfurts wie auch der Bund tätiger Altstadtfreunde, der 1922 von Fried Lübbecke gegründet worden war und dessen Arbeit die Freunde Frankfurts seit 1966 mit zeitgemäß erweiterter Zielsetzung fortsetzen, brachten sich stets in die Diskussionen ein und mahnten eine Gestaltung im Sinne der Tradition an. Bei den Planungen für den Wiederaufbau in den zwei Jahrzehnten nach 1945 wie auch beim 1972 fertiggestellten Technischen Rathaus fanden sie kein Gehör. Die 1983 vollendete Gestaltung der Ostseite des Römerbergs (Samstagsberg) und des Schwarzen Stern in historischen Formen entsprach den Vorstellungen der Freunde Frankfurts. Sie zeigt zudem, daß bei entsprechendem Einsatz auch Rekonstruktionen möglich sind.
Die Freunde Frankfurts haben seit 2005 an den Diskussionen über die Bebauung des Altstadtkerns teilgenommen, gemeinsam mit anderen Institutionen Podiumsgespräche durchgeführt. Bei einer Umfrage unter den Mitgliedern der Freunde Frankfurts sprachen sich 65% der Mitglieder der Freunde Frankfurts, die sich an der Umfrage beteiligten, für einen weitestgehend historisch getreuen Wiederaufbau des Kernbereichs der Altstadt aus. Eine seit November 2006 laufende Internet-Umfrage der Freunde Frankfurts, auf die nicht nur aus Frankfurt und Umgebung, sondern aus ganz Deutschland und darüber hinaus geantwortet wurde, ergab ein klares Votum für eine weitestgehende Rekonstruktion.
Nach zweieinhalbjähriger Diskussions- und Planungsphase zeichnet sich für den Kernbereich der Altstadt eine Lösung ab, die dem kleinteiligen historischen Charakter des Quartiers und der historischen Bedeutung gerecht wird und diese erlebbar macht. Gemäß einem Rahmenplan, dem die Stadtverordneten im September 2007 zustimmten, werden dort bis 2013 am Alten Markt, Hühnermarkt und Hinter dem Lämmchen 30 Häuser entstehen. Die am besten dokumentierten Häuser Goldene Waage, Rotes Haus, Klein Nürnberg, Goldenes Lämmchen, Alter Esslinger, Junger Esslinger und eventuell Haus Rebstock werden rekonstruiert. Die übrigen Häuser, für die noch eine Gestaltungssatzung erarbeitet werden muß, sollen durch individuellen Charakter, detailreiche Fassaden, Verwendung von Natursteinen aus der Region und von erhaltenen Resten der zerstörten Häuser den alten Formen gleichen. Dabei sind weitere Rekonstruktionen möglich, was einer sinnvollen und wünschenswerten Ensemblebildung entgegenkäme. Die Geländehöhen werden dem historischen Niveau angepasst. Für den Archäologischen Garten wird ein Architektenwettbewerb ausgelobt. Um ein lebendiges Quartier zu erhalten, ist wie ehedem in der Altstadt als Nutzung eine Mischung aus Wohnen, kleinen Läden, Gewerbe- und Gastronomiebetrieben vorgesehen. Die Häuser werden durch einen einzigen Bauträger errichtet, die einzelnen Parzellen in Erbpacht an bevorzugt private Investoren vergeben.
In den meisten Fällen ist eine vollständige Rekonstruktion der Fachwerkhäuser möglich dank vorhandener Pläne, Bilder und Beschreibungen und der Kenntnisse über historischen Fachwerkbau. Die rekonstruierten Häuser sollen kein lebloses Museum sein, keine Imitation. Die Dimensionen der Räume genügen auch heutigen Ansprüchen und der Nutzung. Die Grundrisse der Häuser sind zwar unterschiedlich groß. Doch gerade dadurch ergeben sich für Investoren und Nutzer vielfältige Möglichkeiten, auch lassen sich mehrere Häuser innen verbinden und gemeinsam erschließen. Abgesehen von Wohnungen öffnen sich gute Perspektiven für Einzelhandel und Gastronomie, zumal die Altstadt gerade auch für den Tourismusmarkt zentraler Anziehungspunkt sein wird.
Es haben sich bereits viele Interessenten gemeldet, die in den rekonstruierten Häusern eine Wohnung beziehen, einen Laden oder einen Gastronomiebetrieb eröffnen wollen. Zu ihnen zählt beispielsweise Frank Albrecht, dessen Parfümerien auf ein 1732 im Haus Würzgarten am Markt gegründetes Geschäft zurückgeht. Auch Ernesto Melber und seine Töchter möchten im Haus zum Esslinger ein Café einrichten; sie sind Nachkommen von Georg Adolf Melber, der, verheiratet mit der Schwester von Goethes Mutter, in diesem Haus eine Materialwarenhandlung betrieb. Der junge Goethe weilte dort des öfteren. So wird nicht nur dieses Haus, sondern der gesamte Bereich ohne Zweifel ein besonderer Anziehungspunkt für Frankfurter und für die Touristen werden.
Die Freunde Frankfurts haben im Juni 2008 auf Vermittlung durch Bauingenieur Dominik Mangelmann wertvolle Balken von über 150 Jahre alten Fachwerkhäusern aus dem Taunus erworben, die für Wiederaufbau eines Altstadthauses verwendet werden. Die Freunde Frankfurts bemühen sich um Rekonstruktion des Hauses Alter Markt 30 („Zum alten Kaufhaus“).
Die Freunde Frankfurts gehören mit dem Einzelhandelsverband Frankfurt, dem Stadtmarketingverband City Forum ProFrankfurt e.V. und der Agentur EQUIPE Marketing GmbH dem im Jahre 2004 von Jürgen E. Aha gegründeten AltstadtForum (www.altstadtforum.de) an. Das AltstadtForum hat sich zur Aufgabe gemacht, für einen möglichst originalgetreuen Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt zwischen Dom und Römer zu werben und die städtische Dom-Römer GmbH in ihren Bemühungen zu unterstützen und die passenden Investoren für dieses so wichtige Quartier zu finden. Das AltstadtForum sucht daher 30 Frankfurter, die in ein Stück Altstadt investieren wollen. Wer Interesse hat, erfährt Einzelheiten unter www.30frankfurter.de.
Eine Neuerscheinung zum Thema Altstadt:
Johannes Hucke:
Frankfurter Stückchen
Ein Märchen aus der neuen Altstadt.
Info Verlag Karlsruhe 2010
ISBN 978-3-88190-576-3
€ 14,80

