Schellgasse 8
Das Haus Schellgasse 8 in Sachsenhausen ist das älteste Fachwerkhaus in Frankfurt am Main. Aufgrund der dendrochronologischen Untersuchung (Vergleich der Jahresringe mit bereits datiertem Holz) stammt ein Teil der für das Haus verwendeten Hölzer von Bäumen, die im Jahre 1291 gefällt wurden. Da das Holz frisch verarbeitet wurde, ergibt sich 1291/92 als Baujahr des Hauses. Erste Hinweise auf ein hohes Alter des Hauses hatten 1978/79 dem Amt für Denkmalpflege besondere Merkmale des Fachwerks gegeben: schwere Kopfbänder statt der im Mittelalter üblichen Zapfenverbindungen und die Auffüllung aus Weidengeflecht, Lehm und Strohhäcksel zwischen starken Eichenbalken. Das Haus Schellgasse 8 war zunächst das älteste Fachwerkhaus Deutschlands. Inzwischen wurden andernorts ältere nachgewiesen.
Die baugeschichtliche Bedeutung des Hauses Schellgasse 8 liegt in der viel ursprünglicheren Bauweise als die vergleichbarer Häuser. Es gehört zu den wenigen erhaltenen Gebäuden in Ständerbauweise. Bei solchen Ständerhäusern stehen sich an den Traufseiten wandhohe, auf kräftigen Sockelsteinen ruhende Ständer gegenüber, die durch Querbalken verbunden sind. An der Giebelfront befinden sich zwei gebogene, schräggestellte, ebenfalls vom Boden bis zum Dach reichende Streben. Dieses Konstruktionsprinzip weisen die 2000 v. Chr. am Bodensee entstandenen Pfahlhäuser auf.

Baugeschichte und Verwendungszweck des Hauses lassen sich nicht eindeutig klären. Rauchreste an Deckenbalken, ausgegrabene Scherben und Reste einer Feuerstelle belegen, daß im Haus auf Feuer gekocht wurde und daß der Rauch nicht durch einen Schornstein abzog, sondern das Dachgeschoß füllte und seitlich durch zwei runde Öffnungen entwich. Damit ist jedoch nicht erwiesen, daß es als „Rauchhaus“ konzipiert wurde. Das Haus dürfte vielmehr als Scheune oder Magazin errichtet worden sein und erst später als Wohnhaus gedient haben. So sind die Hölzer nur dem Zweck entsprechend geformt und lassen lediglich im Erdgeschoß eine Formgebung erkennen, so fehlte ursprünglich die Zwischendecke, so gab es keine Wärmeisolierung. Das Haus war ursprünglich länger. Es wurde mehrmals umgebaut. Auch Hölzer aus späterer Zeit (Mitte des 14. Jahrhunderts) wurden verarbeitet. Der Grundriß des Kellers ist nicht identisch mit dem des Hauses; der Keller dürfte im frühen 16. Jahrhundert angelegt worden sein. Die Fenster wurden erst im 19. Jahrhundert eingebaut.
Das Haus Schellgasse 8 liegt in dem am frühesten besiedelten Teil Sachsenhausens mit dem Deutschordenshaus und den Ministerialenhöfen. Zur Zeit seiner Erbauung war eine bürgerliche Siedlung gerade erst im Entstehen. Das Haus gehörte zu einem jener Höfe, die an der späteren Dreikönigsstraße lagen und bis zur Stadtmauer reichten. Die Schulstraße folgt dem Verlauf dieser Mauer des 14. Jahrhunderts, ein Rest der Mauer ist im Parkhaus Walter-Kolb-Straße zu sehen. Die Schellgasse, eine Stumpfengasse (Sackgasse), ging aus dem Schellenhof (später Junghenshof) hervor, dem Hof der wohlhabenden Familie Schelle. Der Bäcker Henne Schelle spielte beim Zunftaufstand von 1355 eine wichtige Rolle; er wurde 1366 der Stadt verwiesen. Das Haus Schellgasse 8 - wie auch das Haus Nr. 10 - lag hinter den übrigen Häusern der Schellgasse, es gehörte demnach vermutlich zum benachbarten Schlegelhof, der zwischen dem Schellenhof und der Ölmühle lag. Dieser Hof wird erstmals 1362 als Hof der Katharina Schlegeln vom Hain genannt. Im 15. Jahrhundert wird er oft im Zusammenhang mit der Fischerstube Dreikönigsstraße 21 erwähnt.
Nach Abbruch der benachbarten alten Ölmühle im Jahre 1978 stand das Haus Schellgasse 8, das bis kurz zuvor noch bewohnt war, isoliert da. Im Jahre 1980 wurde es unter Denkmalschutz gestellt. War zunächst vorgesehen, es abzubrechen und an anderer Stelle wieder aufzubauen, so erwarb schließlich 1986 die Frankfurter Aufbau-AG das Haus. Sie integrierte es in ihr Bebauungskonzept „Citynahes Wohnen + Parken“ im Bereich der Walter-Kolb-Straße und ließ es sanieren. Gemäß der Auflage des Denkmalpflegers blieb es am angestammten Platz und auf dem alten Niveau.
Seit Frühjahr 1986 erfolgten die Sanierungsarbeiten. Dabei blieben 30% der alten Konstruktion erhalten. Am Nordgiebel wurde die ursprüngliche Wandfüllung wiederhergestellt - aus einem Geflecht von Eichenstäben und Haselnußruten und mit einem zähen Brei aus Lehm, Stroh und frischem Kuhdung als Bindemittel verschmiert. Für Putz und Farbe wurden Magermilch, Quark und Kalbshaare verwendet. Die übrigen Wände wurden u. a. aus statischen Gründen mit Ziegeln aufgemauert.
Im Jahre 1988 zog die Galerie Amadé in das Haus. Seit Sommer 1992 ist das Haus Schellgasse 8 das Haus der Freunde Frankfurts / Verein zur Pflege der Frankfurter Tradition e. V. Der Verein veranstaltet im Haus Schellgasse 8 Vorträge, Lesungen und Ausstellungen, außerdem befindet sich die Geschäftsstelle des Vereins im Haus.

